In einer medizinischen Notfallambulanz warten Menschen auf den Arzt.
In einer Kunst-Ambulanz wartet Kunst auf den Menschen, um gesehen zu werden.
Heute 25.03.2026 : „Eigentlich wollte ich ein Cello 1.0“ von Katja Gehrung (Fotografie auf Aludibond gebürstet)
Es ist kein Zufall, dass die Künstlerin Katja Gehrung eine Frau vor dem Hintergrund einer Tapete aus den 70iger Jahren zeigt, die zu den Rändern hin dunkler wird. Was einst zum Ende des 19ten , Anfang 20igsten Jahrhunderts begonnen wurde, entlädt sich hier in den großen mutigen Mustern einer Tapete. Das Schreckensbild der Emanzipation der Frauen. Hier gibt die Männliche Angst vor der Weiblichen Macht, den Rahmen. Die Wand zeigt ein Muster, welches in Grün, Beige und Anthrazit gehalten wird und alles andere als bescheiden wirkt. Die helleren Anteile des Musters geben das Metall frei und damit dem gesamten Kunstwerk den edlen Schimmer der an einen Schatz oder insgesamt an ein Schmuckstück erinnern. Jedoch liegt der Fokus des Bildes nicht auf Ästhetik und Dekoration, sondern auf einer Frau, die in einem Kleid von grünem fließendem Stoff auf einem Stuhl sitzt, der gleiche dunkle Grünton, wie er sich auch in der Tapete wiederfindet. Der Titel des Gemäldes „Eigentlich wollte ich ein Cello“ erklärt die Körperhaltung. Die Beine sind auf eine Art und Weise gespreizt, als würde zwischen ihnen eben das gewünschte Instrument seinen Platz finden. Ein Cello. Jede andere Interpretation dieser Körperhaltung, wie etwa leichte Obszönität, wird vom Titel ausgeschlossen. Die fast gerade getreckten Füße wirken, als würden sie auf High Heels stehen. Dabei geht es nicht um die Darstellung einer Femme fatal, die rein aus einer Männerfantasie in der Kunst entsprungen ist, sondern zeigt die Stärke der Frau in den Details der Kleidung. Die Schuhe geben der Frau ein Niveau. Eine männliche Fantasie, wie zum Beispiel blanke Vollbusigkeit, wird damit abgestraft. In der Fußstellung entlädt sich eine Energie der Stärke und selbstbewusster Leidenschaft. Auch der Körper ist nicht etwa nudistisch dargestellt, sondern vollkommen bekleidet. Der Stuhl, auf dem Sie sitzt, ist nur durch die letzten Enden der Stuhlbeine zu sehen, wobei nicht sicher ist, ob der Stuhl mit allen vier Beinen fest auf dem Boden steht, oder ob sie sogar auf den hinteren beiden Beinen balanciert und leicht gekippt auf dem Stuhl sitzt. Die ganze Bein- und Körperspannung würde leicht genug Kraft dazu liefern. Sie hält sich selbst mit der linken Hand eine Geige so vor das Gesicht, dass man nur noch den oberen Rand einer Brille erkennen kann. Dazu lockige ungebändigte wilde Haare, die fast wir Afro-Haare erscheinen, aber zu einer weißen Frau gehören. Sie scheint ihr Gesicht und sich selbst, hinter der Geige zu verstecken, um ihre Identität nicht ganz freizugeben. Und obwohl so viel Protest in dem Bild liegt, zeigt es doch auch die Angst vor Konsequenz. Sie will ein Cello aber bekam eine Geige. Nicht etwa ein Instrument, welches man nicht auf die gleiche Stufe mit einem Cello stellen könnte. Nein, eine Geige. Hier scheint es um die Ausübung einer Macht zu gehen, die nur sich selbst genügen will. Die Frau soll spielen, was man ihr gibt, nicht das, was sie selbst möchte. Sie ist beherrscht im wahrsten Sinne des Wortes. Unterdrückt von einem Patriachart. Nicht ausgeschlossen, dass sie unter einem totalitären Regime lebt. Wobei es für die Frau einen Unterschied macht, ob sie vom eigenen Gatten oder von einem Regime unterdrückt wird, denn diese Frau würde fliehen, wenn sie eine Chance hätte. Das Bild ist eine prachtvolle Inszenierung der Diskriminierung von Frauen. Und doch ist die Frau nicht zu brechen. Alles in dem Bild, zeigt ihren starken Willen und Stolz. Man kann sich leicht vorstellen, wie sie trotz der Zurückhaltung des Versteckens wie Salome, den Kopf von Johannes des Täufers serviert bekommt. Vermutlich würde sie es mit einem Grinsen hinter ihrer vorgehaltenen Geige zelebrieren. Nur wäre es in ihrem Falle nicht Johannes, sondern ihr persönlicher Peiniger.
Die Künstlerin fungiert hier als Bewahrerin der Idee einer feministischen Avantgarde, die wohl auch 60 Jahre später vorausgehen muss. In einer Zeit, die Frauen nun mit Hilfe künstlicher Intelligenz entkleidet und damit gleichsam die Femme fatal für Männer-Fantasien über Frauen aufrecht zu erhalten sucht. Man wünscht sich, dass die Frau die Geige spielt, solange, bis sie zwischen den energisch geführten Strichen auf den Saiten Feuer fängt und verbrennt.
Das Bild hinterlässt ein Gefühl von Solidarität mir der Protagonistin. Die starke Symbolik der 70iger Jahre nimmt einen mit, in eine Zeit, in der man weg will von Bevormundung und Unfreiheit. Sogar die unbequeme Wahrheit steigt in einem auf, dass es auch im Jahre 2026 noch notwendig ist, unser Augenmerk auf totalitäre Regime zu richten und dagegen zu kämpfen. Man möchte der Frau zurufen, dass man sie nicht allein lässt und dass wir daran arbeiten gegen die starren Machtsysteme auf der Welt zu kämpfen. Die Künstlerin Katja Gehrung trägt mit diesem Bild dazu bei. Das Bild erzeugt in uns einen Aufschrei der Verzweiflung, über unsere Machtlosigkeit, dieser Frau ihr Cello zu geben . Es erinnert uns daran, dass wir nicht wegsehen dürfen und solidarisch sein müssen, mit allen unterdrückten Frauen dieser Welt. Gleichzeitig beruhigt es einen, denn man sieht ,diese Frau kann man nicht aufhalten. Ich befürchte, dass Fr. Gehrung sich erst einem anderen Thema widmen wollen wird, wenn genauso viel Männer wie Frauen Ihre Bilder kaufen, um sie sich in ihr Wohnzimmer zu hängen.