In einer medizinischen Notfallambulanz warten Menschen auf den Arzt.
In einer Kunst-Ambulanz wartet Kunst auf den Menschen, um gesehen zu werden.
Heute : „Stuhl unter Wäscheleine“ von Paulus Goerden, 100 x 100 cm
Das Fehlen der Vögel
Das Bild erinnert an ein Foto der alten Arbeitersiedlungen in der Zeit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts. Abgebildet könnte einer der typischen Hinterhöfe sein, die man nur über eine schmale Kellertreppe im Haus erreichte. Die ganze untere Mitte des Gemäldes zeigt einen Boden, der von zerfallenem Laub bedeckt zu sein scheint. Die langen Halme der Grasbüschel hatten sich schon lange hingelegt und ineinander verflochten. Passend dazu die Wahl des Malmittels. Blei oder Graphitstifte, die ihre Karriere schon etwas früher feierten. Die tiefschwarzen Anteile der abstrahierten Struktur des Bodens lässt eine Dramatik zu, welche ebenso die Zeit widerspiegelt, wie der graue Himmel, der entweder wolkenverhangen oder verraucht aussieht, die Verelendung. Mittig in der unteren Hälfte steht etwas, was der Künstler als Wäscheleine im Titel bereits definiert hat. Diese scheint auch nach so langer Zeit unter hoher Spannung zu stehen. Die Stangen, an denen die Leine befestigt ist, sind nicht aus Stahl. Sie biegen sich unter dem starken Zug der Schnur und sehen eher wie dicke Rundhölzer aus, die durch alle Zeiten standgehalten haben, aber doch etwas nachgeben mussten. Die Fläche, bzw., Wiese ist abgegrenzt durch eine Böschung, die das Terrain abgrenzt. Es scheint einmal eckig gewesen zu sein, denn man erkennt im hinteren Teil eine Biegung des Randes. An einem der Pfosten der Wäscheleine steht ein Stuhl mit der Lehne eng an dem Pfosten jedoch mit allen 4 Beinen auf dem Boden. Wenn Menschen sich einen Stuhl vorstellen, ist dieser nach belegten Studien wohl immer unterschiedlich. Ich nehme an, dass der Künstler wohl auch eine konkrete Vorstellung von einem Stuhl hat, der hier nicht zum Einsatz kam. Für dieses Bild wählte er einen Plastikstuhl, den man in jeden Baumarkt für wenig Geld kaufen könnte. Dies betont die Hinterhofatmosphäre und das Zurücklassen von einfachen Gebrauchsgegenständen. Auf einer Hälfte der Sitzfläche scheint sich Wasser gesammelt zu haben in dem ein Vogel baden könnte. Der Stuhl wirkt noch immer stabil. Wie der Trohn dieses Hofes. Wenn man sich auf ihm niederließe, würde man automatisch darüber nachdenken, wer wohl schon alles auf ihn gesessen hätte. Automatisch wäre man der Herrscher über die Wiese. Anzunehmen ist, dass er einst als Ablagestelle für einen Wäschekorb oder Wäscheklammern diente. Im oberen Teil des Bildes, hinter und auf der Böschung stehen Bäume, die mit zum Teil gepunkteten Linien gezeichnet worden sind. Manche sind auch gerade Linien, die der Knorrigkeit von realen Ästen ähneln. Die kleinen Punkte erinnern an Blätter oder Knospen. Trotzdem lässt sich die Jahreszeit nicht erkennen. Sind sie im Kommen oder im Begriff zu gehen? Das ganze Bild erscheint im Ganzen recht dunkel, sodass ich davon ausgehen muss, das um den ganzen Rasen Bäume dicht an dicht stehen und die Sonnenstrahlen nur sehr gebrochen durchlassen. Nur an Teilen des Stuhls und an einer länglichen Fläche auf dem Boden entlang der rechten Seite vor der Böschung kann man etwas Licht erkennen. Die Äste der Bäume auf der rechten Seite sind gerade gestrichelt und wirken etwas heller als auf der linken Seite. Dort zeigen dunklere Anteile eine Art Gestrüpp und Unterholz. Dort heraus erhebt sich eine Figur, in Übergröße, höher als das Gestrüpp. Sie trägt eine Tüte mit Hörnern auf den Kopf, die wohl fast jeder aus dem Kunstunterricht kennt . Die Tüten sind beliebte Objekte, um Masken in allen Variationen zu basteln. Auf der rechten Seite sind die Bäume höher und haben feinere Äste, welche in den Himmel ragen und bis an die Oberkante des Bildes reichen. An den oberen Enden befinden sich dunklere Verdickungen, die an Nester erinnern. Es könnten auch sehr große Gestalten sein, die ihre Köpfe zusammengesteckt haben, um auf die Szene nach unten auf den Platz zu blicken. Eine Figur sticht auch hier besonders hervor. Zu den anderen ist sie etwa halb so groß und könnte ein Kind sein, welches die Arme freudig in die Höhe gestreckt hat. Auch ein Bein ist angewinkelt, weil es am liebsten sofort loslaufen möchte. Ich ahne warum. Das Kind und die anderen Gestalten schauen runter als ewige Zeugen auf den ehemaligen Spielplatz des Hinterhauses. Die Wäscheleine wurde zum Tor und die Wiese wurde zum Fußballfeld. Der Stuhl an der Ecke wurde von einem Schiedsrichter besetzt und stand in dieser Zeit noch neben dem Pfosten.
Das Bild lässt die Vergangenheit wieder lebendig werden, aber auf eine Art und Weise, die allein beim Betrachter liegt. Das Fehlen der Vögel ist dabei ein Indiz, dass es dem Maler nicht um die Darstellung von Natur ging. Sondern um eine Szene, in der ein Stuhl und eine Wäscheleine eine Geschichte von besseren Zeiten erzählen. Die Schiene, welche sich über die rechte Seite erstreckt, ist besonders mysteriös. Doch was jetzt wie parallele Gleise anmutet sind wohl ehemalige Beet Umrandungen. Das Bild sieht auf den ersten Blick dunkel und deprimierend aus und trotzdem handelt es vom Leben. Denn der Pfosten des Tores, die Stange der Wäscheleine und ein Stuhlbein münden an der gleichen Stelle. Die Hauptdarsteller sind immer noch bereit zum Tanze. Vielleicht ist aus diesem Grunde etwas Licht auf sie gerichtet. Nur ein winziges bisschen. Damit sie nicht auffallen. Damit Niemand kommt, um sie zu trennen. Die Position des Stuhls ist perfekt, denn er sollte nicht im Beet stehen, sondern davor. Nun steht er noch immer dort, als wäre er noch jung und bewacht eine Szene, die nie sterben wird, solange er dort bleibt. Niemand nimmt noch Platz auf ihm. Auch nicht die Vögel. Die scheinen schon lange weggeflogen zu sein, in ein anderes Leben.
Die Zeichnung lässt einen zurück mit dem wohligen Gefühl, dass Zeiten nie ganz sterben. Gegenstände , die von ihnen zeugen bleiben zurück. Wehmütig denkt man als Betrachter zurück an Arbeiterromantik, hört das Lachen und das Geräusch des dumpfen Aufpralls des Balls auf der Wiese. Um so besser, dass der Künstler die Zeugen der Zeit wie einem einfachen Stuhl eine neue Bühne gegeben hat. Jetzt wird er ewig leben. Es ist keine Abenteuer oder Liebesgeschichte. Eher wie das Gute, was leise im Verborgenen ohne großen Applaus geschieht und doch die Zeit anzuhalten vermag.