In einer medizinischen Notfallambulanz warten Menschen auf den Arzt.
In einer Kunst-Ambulanz wartet Kunst auf den Menschen, um gesehen zu werden.
Heute 08.03.2026 : „Einfach laufen lassen“ von Christiane Hesse, 50 x 50 cm
Bei einem ersten oberflächlichen Blick auf das Bild, erscheinen die ruhigen Farben in Braun und gedecktem Blau angenehm ineinander zu fließen. Man möchte ihren Weg verfolgen um den See zu entdecken, in den alles mündet. Die Struktur der Farbe im unteren Teil ist nicht fassbar. Es erinnert an Porosität, unterbrochen durch Linien und breitere Striche, die irgendwo zwischen Strich und Fläche angesiedelt sind. Alles wechselt sich ab und gewinnt nach oben hin Struktur. Immer mehr erscheint ein Netzwerk, als ob Laub schon gebrochen vom langen Liegen, und dem Warten auf den eigenen Zerfall, auf einem Waldboden liegen würde. Es sind die letzten Beweise, dass nun bald der Frühling einkehren wird. Unten mittig sitzt Ein Hund und schaut uns direkt aber ausdruckslos an. Er trägt einen weißen recht großen Hut, der an die russischen Hüte aus Fell erinnern, wie sie von den letzten russischen Zaren getragen wurden. Der weiße Hermelin für die Kopfbedeckung gibt die edle Herkunft preis. Der Gesichtsausdruck die Distanz.
Erst, wenn man sich auf das Bild tiefer einlässt, zeigt es seine ganze Geschichte und hinterlässt ein wehmütiges Gefühl und das Sehnen nach der Leichtigkeit des einfachen Seins. Die Künstlerin verzichtet dabei vollkommen auf Dramatik und Farb-Explosionen und lädt, ganz im Gegenteil, dazu ein, das Leben meditativ von einer anderen Perspektive zu betrachten. Aus der Ferne gesehen, scheinen Bürden zu verschwinden. Alles erscheint natürlich aber nicht emotional. Gelassen scheint hier ein junger Mensch auf sein Leben zu blicken. Das Haupt noch gekrönt. Doch die Krone wirkt eher vergessen, wie Arbeitskleidung, bei der man völlig vergessen hatte, sie abzulegen und die damit ihre Bedeutung vollkommen verliert.
Die abstrahierte angedeutete Figur sitzt auf dem zweiten von 4 Kreisen, welche an die ersten gepressten Heuballen erinnern. Nicht etwa 5, als ungerade Zahl, die beunruhigen würde. 4 als Sinnbild für Geradlinigkeit und Ordnung. Auch das Format des Bildes mit 4 gleichen Seiten scheint kein Zufall zu sein, sondern ist das Ergebnis einer Entscheidung, die Chaos entgegenwirken soll. Die Gestalt hat die Beine übereinander geschlagen und die Körperhaltung ist entspannt. Sie sitzt eventuell schon länger dort und blickt über ihr eigenes Land. Die zärtlich eingebrachte blaue Farbe erinnert an Wasser. Von einer höheren Perspektive, vielleicht am Berg, schaut sie herunter auf ein Schloss, welches auf der Seite zu liegen scheint. Die Zweidimensionalität der römischen Kunst, sortiert hier Schloss, Natur und Wasser. Die einfache Darstellung und Aufreihung der Dinge entspannt den Geist des Betrachters und der Figur auf dem Heuballen. Ein Wasserschloss in Teilen. Minimalismus als Wunsch und Glücksprinzip. Besitz, herabgewürdigt durch Perspektive, und damit auch die Gefangenschaft durch Reichtum. Man wünscht sich, dass eine Herde wilde Pferde frei und wild durch das Bild galoppieren.
Im oberen Rand des Bildes scheint etwas zu fließen, was durch sein angenehm ruhiges Blau an einen Fluss erinnert. Zur gleichen Zeit aber auch an ein Blutgefäß, wie es auf älteren Händen, auf der Oberfläche, fast greifbar erscheint. An dessen linkem Ende mündet es in eine Figur, welche die Arme ausgebreitet hat, als würde sie fliegen wollen aber doch gehalten werden. Ein Symbol für den Nabel des Wohlstandes, an dem man hängt, aber den Preis der Einsamkeit dafür bezahlt.
Ohne die Farbe grün gewählt zu haben spürt man doch den Wald und riecht den kostbaren fetten Ackerboden. Das Bild hinterlässt ein Gefühl von Entspannung und Freiheit. Eine Pause von allem. Ein Entkommen und durchatmen. Ein Gefühl wie ein lauwarmer Frühlingswind. Als wenn man ahnt, dass sich ein Regenbogen entwickelt und man aufblickt in Hoffnung.