In einer medizinischen Notfallambulanz warten Menschen auf den Arzt.
In einer Kunst-Ambulanz wartet Kunst auf den Menschen, um gesehen zu werden.
Heute 18.03.2026 : „Marilyn and Cat“ von Ralf Leidinger, 100 x 120 cm
Schwarze und weiße Streifen wechseln sich auf einem schwarzen Hintergrund so gut überlegt ab, dass sie über die ganze Fläche des relativ großen Bildes, das Portrait von Marilyn Monroe ergeben. Vor dem Gesicht erscheint auf der linken Seite der Kopf einer Katze. Die Hälse der beiden fließen zusammen, und doch erkennt man genau die Trennung, zwischen Katzen,- und Menschenhals. Es existieren drei weitere auffallende Farben auf diesem kontrastreichen Zusammenspiel. Eine in hellblau dargestellte Pupille des rechten Auges von Marilyn, fast exakt mittig im Bild (das rechte ist verdeckt von der Katze), darunter etwas links, der typische rote Mund. Ganz in der Nähe des Rot, erscheint das rechte Auge mit der grünen Pupille der Katze. Ihr rechtes Auge hätte theoretisch noch ausrechend Platz auf dem Bild gefunden, aber der Künstler entschied sich dazu, die rechte Seite mit einem dicken schwarzen Streifen zu verbergen, welcher mit dem schwarzen Hintergrund verschmelzt. In einem sehr geringen Winkel und doch erkennbar, scheint die Monroe an der Katze, im seitlichen Vordergrund, vorbeizuschauen. Jedoch ist keiner von beiden der Hauptakteur des Bildes. Dies bleibt den Betrachter und seiner Interpretation überlassen. Die Streifen bergen, obwohl schwarz und weiß auf den ersten Blick eher einfach erscheinen, ein weiteres Geheimnis. Beim genauen Hinsehen fällt auf, dass es eben genau der Übergang zwischen den zwei gegensätzlichen Farben ist, der sehr genau überlegt zu sein scheint. Manchmal ist er sehr klar, aber manchmal auch verschwommen in seinem Übergang. Damit wird eine Weichheit oder im Gegenteil, Härte erzeugt, die es ermöglichen Akzente zu setzen, die einen mehr fühlen lassen als einfache Streifen. Man könnte dies als Paradoxon beschreiben. Dem Künstler gelingt es mit dieser Technik, der ohnehin sehr starken Dynamik, den Blick auf Zentren zu richten, die ihm wichtig erscheinen. So sind die Kontraste im Gesicht klar gegeneinander abgegrenzt, die des Haares aber erscheinen etwas verwischt. Man glaubt als Folge, dass das Haar weich wäre, wenn man es berühren würde. Auch scheinen hier die Streifen nicht so tiefschwarz zu sein, sondern sehr dunkel Anthrazit. Nur einen kleinen Hauch von Schwarz entfernt. Wenn man schnell an dem Bild vorbeigehen würde, würde man schwer bestraft, durch die Annahme der Einfachheit. Eher langsam wird einem klar, dass die Streifenabfolge und deren Dynamik den einzelnen Streifen unterschätzt. Denn die Linien sind nicht einfach gerade, sondern jeder einzelne wurde von Ralf Leidinger so genau überlegt und platziert, wie nur er es vermag. Mal folgen sie dem Verlauf eines Gesichts in seiner normalen Kontur, mal durchqueren sie es in Wellen. Kein Streifen ist Zufall. Ich bemerke, dass sich mein Blick mal auf die schwarzen Streifen konzentriert, verursacht durch die Wahl des schwarzen Hintergrundes aber bei der gesamten Ansicht des Gemäldes eher auf die weißen. Die Dreidimensionalität der Darstellung könnte nicht weniger sein durch die nuancierte Schattensetzung. Fasziniert ziehen das Bild und die Maltechnik mich in seinen Bann. Es macht den Eindruck, dass hier zwar durch die Farbwahl plus Streifen, starke Kontraste erzielt werden, welche symbolisch für „ja und nein“, „gut und böse“ und weitere Gegensätze stehen könnten. Aber die Streifen vermögen mehr als das. Sie verbergen den Blick auf den tieferen Sinn. Es ist fast unmöglich, die Person oder die Katze in den Vordergrund einer Interpretation zu stellen. Die allermeisten Menschen kennen die, als Sexsymbol stilisierte Schauspielerin, Marilyn Monroe, und wissen, was eine Katze ist. Als der Künstler sich dazu entschied eine berühmte Persönlichkeit und ein Tier zu wählen, hat er zwei Symbole gewählt, die für Schönheit stehen. Er muss sich nicht weiter bemühen, diese Rollen durch tiefe Gesten, Farben oder vielleicht sogar Bewegungen, zu unterstreichen. Er überlässt es ganz dem Betrachter, seine Gedanken zu Marilyn und der Katze einzuordnen. Er macht es jedem, der sein Gemälde betrachtet einfach, etwas Positives zu empfinden, ohne große Denk Leistungen einzufordern. Man fühlt sich wohl, in dem Bild. Allein mit dieser genialen Streifen-Technik, vermag er die Dinge auf den Punkt zu bringen. Zeigt, was er zeigen möchte, und verhindert tiefere philosophische Interpretationen. Die Dynamik der Farben und der Linienführung sind unfassbar kraftvoll und energetisch. Lebendig. Eine Energieübertragung vom Künstler zum Betrachter. Es fühlt sich an, als würde man beschenkt werden, durch eine Klarheit in unklaren Zeiten, die uns zu viel abverlangt. Die beiden Portraits der Protagonisten könnten nicht lebendiger sein, wenn sie in Öl, fotorealistisch dargestellt worden wären. Die Energie überträgt sich auf mich persönlich in Staunen über die absolute Perfektion in der Maltechnik. Alles in mir wehrt sich, dieses Kunstwerk als nur ein Produkt der Popart zu bezeichnen, denn es ist wahrlich viel mehr als das. Es ist ein Statement für einfache Wahrheiten. Das Leben mag sich zumeist in Grautönen abspielen, jedoch nicht für Ralf Leidinger. Er zeigt die Dinge in hauptsächlich zwei Farben wie sie sind. Sehr nuanciert und doch einfach. Wie ein „ja und nein“. Diesmal sagt er , ja, zu Schönheit. Jede weitere Interpretation erscheint mir überflüssig und als Trübung eines glasklaren Wassers.
Wenn man die Farben Weiß und Schwarz, den Eigenschaften Gut und Böse zuteilen möchte, wäre Weiß wohl das Gute und schwarz eher Böse. Da der Hintergrund des Gemäldes Schwarz ist, erscheinen Marilyn und die Katze, weiß, also als „gut“. Wenn es umgekehrt wäre, also der Hintergrund nun weiß und damit gut wäre, würden die beiden Schwarz erscheinen. Das Gefühl bei der Betrachtung würde dann einer anderen Dynamik folgen. Das zurückbleibende Gefühl nach Betrachtung ist wahrscheinlich individuell. Ich halte die Wahl der Farbe des Hintergrunds für keinen Zufall. Wahrscheinlich ist aber die Sichtweise, welchen Hintergrund der Betrachter als eher positiv oder negativ betrachtet, abhängig, von allem, was in das Leben des Betrachters aktuell einfließt und vielleicht auch zuletzt eine Frage des Gefallens.
Es gelingt einem nicht mal, obwohl die beiden Augen (eines von der Katze und das von der Frau), farblich abstechend dargestellt sind, und auch ein Mund etwas unterhalb existiert, den gesamten Ausschnitt als ein Gesicht zu interpretieren. Unser Gehirn ist eigentlich darauf angelegt, zwei Kreise, oder so etwas, was wie Augen aussieht, und ein Mund oder eine Nase darunter, als ein Gesicht zu Interpretieren. Auch daran zeigt sich, die unmissverständlich klar dargestellte Trennung der Dinge. Man könnte , wenn alles in schwarzen und weißen Streifen gemalt ist, etwas Verwirrendes vermuten. Ein Durcheinander oder gar Chaos. Was wir aber sehen ist die Klarheit einer simplen Wahrheit, der man nichts mehr hinzufügen möchte. Ich halte es für einen Haupt-Schlüssel des Bildes und der der Art von Kunst, welches es zeigt, dass man ihm nichts hinzufügen möchte , reininterpretieren und dann ganz im Gegensatz dazu, aber auch nicht einen der Streifen entfernen dürfte. Es ist so wie es ist, perfekt.